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Kultur

Ai Weiwei in Berlin

Im Westen kennt inzwischen fast jeder den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Ausser vielleicht einige chinesische Studenten, die fleissig büffeln und erzogenermassen einen grossen Bogen um Politisches machen. Jedenfalls dachte ich mir letzte Woche, die ich in Berlin verbrachte: «Geh ich doch mal Ais Kunst live anschauen.» Neue und alte Werke des in China festsitzenden Künstlers sind noch bis zum 13. Juli unter dem Titel «Evidence» zu sehen. Mit dem Audiguide und 90 Minuten Zeit ausgerüstete stürmte ich also das Erdgeschoss des Martin Gropius-Baus. Die mit politischen Aussagen aufgeladenen Werke sind leicht zugänglich. Das Spiel mit den Materialen wiederholt sich für meinen Geschmack zu oft. Obwohl die Handschellen aus Jade, die Armierungseisen aus Marmor, eine Taxifensterkurbel aus Glas, uralte Vasen mit Autolack überzogen und so weiter ihre Botschaft klar und simpel verdeutlichen, war ich nach den vielen Wow!-Effekten schlussendlich doch gelangweilt angesichts der wiederkehrenden Herangehensweise. Dramen wie das Erdbeben in Sichuan 2008, bei dem schätzungsweise 5000 Kinder starben, bleiben trotz der auf dem Boden ausgelegten verbogenen Armierungseisen abstrakt. Sonst schafft es Kunst, Alltägliches so darzustellen, dass es den Betrachter berührt und lange nicht mehr loslässt. Ai erreicht hier genau das Gegenteil: Das unfassbar Schreckliche wirkt verkopft und gefühllos statisch. Mit Emotionen spielt der Künstler, scheint es mir, wenn es um seine eigene Person geht. Den Abbriss seines gerade erst neu errichteten Ateliers in Shanghai 2011 durch die Regierung inszenierte er in einem schreinartigen Block aus Bauschutt und einem kunstvoll verzierten Bettgestell. Überwältigen soll auch die Masse der Unterstützer, die in Form von chinesischen Schuldscheinen in mehreren Räumen an die Wände tapeziert ist. Rund eine Millionen Franken sollen sie gespendet haben, als die Regierung Ai mit dem Vorwurf der Steuerhinterziehung 2011 für 81 Tage inhaftierte. Mit einer nachgebauten Zelle und einem Musik Video verarbeitet Ai diese Einzelhaft. Einen ausführlicheren Artikel hat Samuel Herzog für die NZZ geschrieben.

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