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Allgemein

Die Kunst, der Ausstellungsbetrieb und der Regenwald

Im Rahmen der ZHdK Lecture on Global Culture fand gestern eine Gesprächsrunde mit den beiden Kuratorinnen Beatrix Ruf (Direktorin der Kunsthalle Zürich und zukünftige Leiterin des Stedelijk Museum Amsterdam) und Chus Martínez (neue Leiterin des Instituts Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW Basel) statt. Moderiert wurde das Gespäch von Michael Schindhelm. Die eingangs gestellte Frage nach der Rolle eines Ausstellungsraums im institutionellen Kontext machte deutlich, dass das Thema äusserst komplex ist. Ruf erläuterte die Aufgabe der Kunsthalle, einer Institution, die seit ihren Anfängen vor 30 Jahren den Spagat zwischen «Agitation» (so Ruf) und einem attraktiven Ausstellungsbetrieb (dieser Druck besteht eben immer) zu meistern versucht. Es gehe zudem darum, das Nachdenken über die Tätigkeit des Kuratierens an sich fördern (was unter anderem das Ziel des von ihr initiierten Postgraduierten-Programms «Pool» ist), meinte Beatrix Ruf. Chus Martínez erzählte die Geschichte eines gescheiterten Museum-Projekts in New York, bei dem sie als Beraterin zugezogen worden war. Dabei erklärte sie ihr generelles Interesse an «Long Tail» Projekten (gemeint sind in diesem Fall etwas speziellere Museen, die nicht zum klassichen Parcours von Museumsbesuchern gehören). Doch so spannend die geplante Idee für das «Museo del Barrio» von Raphael Ortiz war: Es zeigte sich, dass das quasi irrsinnige Projekt einer Realisierung eines echten (!) Regenwalds im ersten Raum des Museums nicht zu verwirklichen war. Mit diesem Beispiel wollte Martínez eine Problematik des Museumsbetriebs als solche aufzeigen: Dass es nämlich zwei völlig gegensätzlichen Arten gibt, die Praxis eines Museumsbetriebs zu verstehen (hier griff sie zu einem Vergleich aus dem Buch «Traurige Tropen» des berühmten Ethnologen Claude Levi-Strauss Bezug). Das eine Konzept richtet sich nach blossen ökonomischen Kriterien, gleicht dem traditionellen «White Cube», das andere (utopische vielleicht) möchte den Besucher in einem Prozess mit auf eine Reise nehmen, bei der es primär um Erfahrung geht. Diese besitzt das Potential, die Besucher zu einer Art Gemeinschaft zu vereinen. So wurde der Regenwald im Gespräch dieses Abends zum zentralen Bild. Die Wunschvorstellung von Martínez war, dass der Regenwald und der traditionelle Ausstellungsbetrieb zueinander finden könnten, um ein modernes, offenes «Museum» zu werden. Dieser Balanceakt, der mit dem Mixen eines Drinks verglichen wurde, ist natürlich in verschiedenen Sparten ein aktuelles Thema. Gerade ein Kunstbetrieb (beziehungsweise die Kunst selber) scheint hingegen die Fähigkeit zu besitzen, diese Fragen aufzuwerfen, sie zu diskutieren und sichtbar zu machen, auch ausserhalb eines rein ästhetischen Genusses (auf den man Kunst gerne reduziert). Ein anregendes Themenfeld, das bei weitem nicht abschliessend diskutiert werden kann (schon gar nicht an einem Abend). Das nächste Gespräch mit neuen Teilnehmern findet am 2. Juni statt.

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