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Architektur

Quoi de beau pour Les Garçons?

Meine Offenheit ist nicht über alle Zweifel erhaben. Das wurde mir einmal mehr bewusst, als mich ein Freund in das neu eröffnete Zürcher Etablissement «Les Garçons» mitnahm. Ein Ort, der vornehmlich für die Herren der Schöpfung in die pulsierende Welt des Kreis 4 gesetzt wurde und in der Frauen zwar ohne Wenn und Aber akzeptiert werden (weil hier IST Offenheit über alle Zweifel erhaben), aber offenkundig nicht das Hauptpublikum darstellen. Jedenfalls sträubte sich mein voreingenommenes, inneres Ich (und wohl auch das kleine Teufelchen mit dem Namen Selbstüberschätzung) gegen die Vorstellung, den Donnerstagabend in einer Bar mit Männern zu verbringen, denen meine Anwesenheit unangenehm sein könnte. Aus diesem Grund steuerte ich direkt nach dem Eintreten das Fumoir an, den verschämten Blick nur hebend, um mich zu orientieren. Einmal in Sicherheit – in dem mit Glas abgetrennten Bereich, wo Rauchen keine Sünde ist – wagte ich es im trügerischen Schutz des gut abziehenden Qualms endlich, mein Umfeld genauer in Augenschein zu nehmen. Und kam dabei ordentlich ins Staunen. Das stilvolle Interieur und die leicht elektrisierte Atmosphäre kurbelten augenblicklich mein Kopfkino an, sodass sich urplötzlich der schillernde Lord Byron an der runden Bar einen Whiskey bestellte, während sich Edith Piaf und Marlene Dietrich an den eleganten Stehtischen amüsierten. Englischer Gentlemen’s Club meets französisches Bistro mit einer Prise gesunder Verruchtheit à la Moulin Rouge. Nicht zu aufdringlich, nicht zu wirr, dafür ausgesuchte Farben, Materialien und Details, die mit genügend Humor und Konsequenz eingesetzt wurden. Wieder Zuhause wollte ich natürlich wissen, wer für die gestalterische Umsetzung verantwortlich zeichnet und siehe da, es sind keine der grossen Namen des hart umkämpften Parkett der Zürcher Umbau- und Einrichtungsszene. Dafür können Adrian Ruoss und Aytac Sayanoglu auf genügend Erfahrung aus dem kreativen Bereich zurück greifen: Ruoss kommt aus der Graffiti-Szene (unter anderem arbeitete er im Auftrag des viel beachteten Künstlerkollektivs Onetruth) und Sayanoglu verkauft seit 15 Jahren erfolgreich seine Leinwandkunstwerke. Gemeinsam verhalfen sie dem Restaurant «Huusmaa» zu neuem Glanz und nun haben sie das Les Garçons zum Strahlen gebracht. Und ja: Die Bar und der Club wurden hier nicht neu erfunden, aber das Kopfkino funktioniert garantiert tadellos.

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