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Das Unsichtbare sehen: Wolfgang Laib und Marianne Engel in Lugano

Was sehen diese Leute? Von Weitem ist das zunächst die Frage, die sich dem Betrachter aufdrängt. Angekündigt war eine in situ Installation von Wolfgang Laib in der Luganer Stadtdependance der Buchmann Galerie. Eine spirituelle Dimension ist zwar für den deutschen Ausnahmekünstler nichts Neues. Aber würde er so weit gehen, nichts zu zeigen? Nicht nichts, aber etwas, das sich erst zeigt. Dann erst, wenn man näher tritt, scheint das Werk auf magische Weise aus der Wand zu treten. Ist da wie eine Erleuchtung oder profaner gesagt – wie ein Gedanke. Wie etwas aber, nach dem man nicht bewusst gesucht hat. Weiss auf Weiss, mit Ölpastell auf die frisch verputzte Wand gemalt wurde das Werk. Das Motiv – eine Art Urhaus – ist für Laibs Werk kein unbekanntes, diese Form ist in vielen Arbeiten zu finden. Häuser aus Bienenwachs, aus Marmor und hier nunmehr auf eine kaum wahrnehmbare Zeichnung reduziert. Die Arbeit trägt den Titel «The Known and the Unknown». Wissen wir mehr, wenn wir das Werk sehen? Oder ist es gerade seine ‹Unsichtbarkeit›, die uns etwas sagt über die Aufgabe der Kunst? Das Unsichtbare sichtbar zu machen, indem es das Werk zunächst dem (besitzergreifenden) Blick entzieht? Dem Blick nämlich, der meint, sehen und erkennen seien dasselbe. Nicht so explizit wie bei dieser Wandarbeit befassen sich auch andere Werke Laibs mit der unlösbaren Dichotomie zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Auch Marianne Engels Werk kreist – wenn auch auf ganz andere Weise – um die Thematik der Wahrnehmung. Dies tut die Künstlerin in einer doppelten Geste. Die Sujets ihrer fotografischen Arbeiten werden meist in der Nacht aufgenommen. Zudem kreiert sie zu den fotografischen Motiven, die sie immer in der Natur findet, auch Objekte und Installationen, die sie mit fluoreszierenden Substanzen versieht, so dass der Betrachter diese erst im Dunkeln wahrnimmt. Einerseits verbirgt sie uns also etwas, indem sie den Mantel der Dunkelheit darüber legt, andererseits macht sie Dinge erst dadurch sichtbar. Unser Blick muss sich allerdings anpassen, er muss eine Art Umweg in Kauf nehmen, eine Verzögerung. Doch gerade diese ‹Störung› kann einen Erkenntnisprozess auslösen. Im Museo Cantonale d’Arte in Lugano zeigt sie Arbeiten, die unter dem Titel «Jackalope» vereint sind. Ein mysteriöses Misch- und Fabelwesen, das unter verschiedenen Namen bekannt ist: Rasselbock, Wolpertinger – oder eben Jackalope. Die ursprünglich zur Biochemikerin ausgebildete Künstlerin spielt in ihrem Werk mit dem Bild, das uns die Wissenschaft vorgaukelt. Denn tatsächlich existiert in der Natur eine Krankheit, die Tiere auf solche Weise entstellt, dass ihnen ein hornartiger Höcker wächst. In den von ihr geschaffenen Bildern, kann der Betrachter nicht mehr eindeutig zwischen Fiktion und Realität unterschieden. Dass dies nicht nur in der Kunst der Fall ist, lassen uns diese Werke sachte erahnen.

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