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Das un-heimliche Daheim: ein Vortrag am Migros Museum

Filmstill aus "Lost Highway"  (David Lynch, USA / Frankreich 1997)

Filmstill aus Lost Highway” (David Lynch, USA / Frankreich 1997)

«Daheim. Überlegungen zu einer Topografie des intimen Sein» hiess der etwas mysteriös klingende Titel des Vortrags, den Dr. Andreas Cremonini letzten Donnerstag im Migros Museum hielt. Die Abteilung Moderne und Gegenwart des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bern organisiert  im Rahmen des Projekts «Anagrammatic Spaces: Interiors in Contemporary Art» eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zum Thema Raum und Interieurs in der zeitgenössischen Kunst. Cremoninis Vortrag (der erste in der Serie) galt weniger der bildenden Kunst als philosophischen Überlegungen und ausgehend davon der Bezugnahme zu zwei filmischen Werken, welche diese illustrierten. Nämlich «Lost Highway» von David Lynch sowie «Home» der Schweizer Regisseurin Ursula Meier. In beiden Filmen kippt das traute Daheim in eine un-heimliche Dimension und thematisiert damit die generelle Frage nach dem Zuhause-Sein des Menschen in der Welt. Aber was heisst zuhause sein?

Cremonini nahm bei der Beantwortung dieser Frage auf die beiden französischen Philosophen Emmanuel Lévinas und Gaston Bachelard Bezug, deren Denken auch um diese Fragen kreiste. ‹La Demeure› (dt. die Bleibe) nennt Lévinas in einem seiner Hauptwerke, «Totalité et Infini» (1961), diesen Ort. Es ist gewissermassen ein primärer Ort, von dem aus der Mensch sich erst als denkendes Wesen definiert. Aus diesem innersten Ort heraus, aus dieser Intimität existiert der Mensch erst. So gesehen ist das Haus die Voraussetzung für unser ‹In-der Welt sein›. Auch bei Bachelard ist es gleichsam Symbol für die Menschwerdung. Den beiden Denkern attestierte Cremonini allerdings eine beschönigende Sichtweise auf dieses Thema, welche er «Topophilie» nannte. Denn das Daheim/Zuhause wurde (und wird) in der Literatur und der Kunst wiederholt zum Topos des Unheimlichen. Das Vertraute, das man bis in die tiefsten Winkel verinnerlicht hat, kehrt mit negativen Vorzeichen (als Verdrängtes, wie Freud in seinem berühmtem Aufsatz «Das Unheimliche» zeigt) wieder und manifestiert sich als Bedrohung. Szenen, in denen Situationen einem Vexierbild ähnlich in ihr Gegenteil kippen (oder zumindest ein zweideutiges Moment erhalten), führte der Vortragende anhand von Filmausschnitten vor. Das Badezimmer ist in Ursula Meiers Film «Home» ein solcher Ort. Die sorglose, verspielte Intimität, welche die Familie beim Badeplausch vereint, erhält durch das «Einbrechen» der Sexualität einen spaltenden Charakter, der die familiäre Idylle vorübergehend zerstört. Am Ende wir das Haus zu einem Grab, dem die Familie nur mit Mühe entkommt. Auch in David Lynch Film «Lost Highway» erfährt der Hauptprotagonist Fred die Räume seines Zuhauses nicht mehr als schützend und klar abgegrenzt, sondern als Gefilde mit «pathischen» Qualitäten, was ihm im Verlauf des Filmes zusehends den Verstand raubt, zu einem «anderen» macht. Er ist nicht mehr bei sich selbst, weder in seinem Körper noch in seinem Daheim.

Der nächste Vortrag der Serie “Anagrammatic Spaces” findet am 3. Oktober um 19 Uhr statt: Adam Budak :«Towards Minor Architecture»(in englischer Sprache)

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