//
you're reading...

Allgemein

St. Moritz Art Masters und Engadin Art Talks

Zum vierten Mal fanden voriges Wochenende die Engadin Art Talks (E.A.T.) statt; sie laufen jeweils parallel zu den St. Moritz Art Masters (SAM), die heuer zum 8. Male in der «Top of the World»- Destination die Aufmersamkeit auf die Kunst lenken möchten. Schliesslich sind Geld und Kunst keine schlechten Freunde. Der diesjährige Länderfokus China ist einer aufstrebenden «Kunstnation» gewidmet, deren Kunst-Produktion allerdings nicht gerade unter optimalen Bedingungen geschieht (was uns ja durch die medial ziemlich ausgeschlachtete Verwahrung Ai Weiweis vorgeführt wurde; demnach durfte auch das obligate Werk der international bekannten Grösse am SAM nicht fehlen). Ein Umstand, dem abgesehen von einer Gesprächsrunde mit jungen chinesischen Künstlern in der Chesa Planta in Zuoz, zu wenig Rechnung getragen wurde. Aber na ja, Politik ist eben ein anstrengendes Thema.

Das Anstrengende und Unbequeme nicht gescheut haben die von Beatrix Ruf und Hans Ulrich Obrist kuratierten und geleiteten Engadin Art Talks. Das diesjährige Thema «Ghosts and the Uncanny» hätte zwar sehr wohl zu einer romantisierenden Interpretation verführen können. Glücklicherweise wurde die thematische Vorgabe von den unterschiedlichen Referenten sehr breit aufgefasst. Die Beiträge kreisten einerseits um lokale Bezüge wie Mythen und Märchen (Tim Krohn las aus seinem Buch «Vrenelis Gärtli» vor), liessen sich aber von der Bergwelt im Allgemeinen beflügeln, so dass man beispielsweise von Jonathan Ledgard abenteuerliche Geschichten vom «Jinn» (der berühmte Geist aus der Flasche) zu hören bekam und so einen Einblick in die muslimisch geprägte Bergkultur Afghanistans (wo der Vortragende einige Jahre als Korrespondent verbracht hatte) erhielt. Bethan Huws, deren Arbeiten stark vom Surrealisten Marcel Duchamp beeinflusst sind, zitierte sein Diktum dass «ein guest und ein host zusammen einen ghost ergeben». Anhand von frühen Collagen und einigen Filmausschnitten zeigte sie auf, wie produktiv Halluzinationen sein können, beziehungsweise wie Bilder im Kopf entstehen und unsere Wahrnehmung auf die «Realität» verändern können.

Um Transformation ging es auch im überaus anregenden Vortrag von Hubert Klumpner von Urban-Think Tank. Er unterrichtet zurzeit an der ETH Zürich. Anhand von Beispielen der Megacitys Caracas und Kalkutta veranschaulichte er seine These, dass die vermeintlich katastrophalen Zustände in den Slums sowie in der «Torre David» (an der letztjährigen Biennale von Venedig gewann Urban-Think Tank mit ihrer Präsentation dieses unglaublichen «Projekts» den Goldenen Löwen) in Wahrheit funktionierende Systeme sind. Und hier eben andere Kräfte wirken, die man durchaus als unheimlich bezeichnen könnte, aber uns die Unheimlichkeit der Realität vor Augen führen. Zuletzt sei noch die sensationelle Schlussperformance von Not Vital erwähnt, der neben seiner 97-jährigen Mutter sass, beide lesend, während über ihren Köpfen dunkle Slides mit lapidaren Sätzen vorgeführt wurden. Die Darbietung war deswegen so rührend, weil sie auf einfache Art zeigte, wie Leben und Tod, Kunst und Alltag, Realität und Fiktion nahe beieinander sind. Eine Einsicht, die in allen Beiträgen durchschimmerte …

Zu den E.A.T. der letzten Jahre ist soeben ein Buch im JRP Ringier Verlag erschienen.

Diskussion

Keine Kommentare.

Post a Comment

Neueste Beiträge

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: