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Architektur

Neue Sterne am Firmament

Das vom spanischen Architekturbüro Cruz y Ortiz gestaltete neue Atrium. Photo: Pedro Pegenaute, courtesy of Rijksmuseum

Das vom spanischen Architekturbüro Cruz y Ortiz gestaltete neue Atrium. Photo: Pedro Pegenaute, courtesy of Rijksmuseum

Bei einem Kurzausflug nach Amsterdam konnte ich mich davon überzeugen: Die Holländer (und alle kunstinteressierten Touristen) hatten endlich ihr Rijksmuseum wieder. Nach 10 Jahren (!), in denen das berühmte Nationalmuseum wegen Umbauarbeiten komplett für die Öffentlichkeit geschlossen war, lockt es seit April endlich wieder endlose Besucherströme an – geschätzte 2 Millionen Besucher jährlich sollen es sein. Die sind auch nötig, denn die Kosten für die Restaurierung des Gebäudes aus dem Jahre 1885 betrug sagenhafte 375 Millionen Euro.

Wir fragen nicht nach, was denn der Grund für den langen Dornröschenschlaf des Rijksmuseum war – Unklarheiten in der Kompetenzen- und Verantwortungsverteilung scheinen jedenfalls nicht unbedeutende Faktoren gewesen zu sein. Nichtsdestotrotz waren die Eröffnungsfeierlichkeiten ein voller Erfolg – Queen Beatrix, die einen überdimensional grossen Bronze-Schlüssel (designt von Studio Job) symbolisch im Schloss drehte und damit ein pompöses Feuerwerk in den Landesfarben auslöste, machte die lange Warterei wohl teilweise wett. Was die Amsterdamer aber gänzlich friedvoll stimmte war die Tatsache, dass die seit geraumer Zeit bestehende Veloroute durch das Museumsgelände nun doch nicht – wie ursprünglich von den zuständigen spanischen Architekten Cruz y Ortiz geplant – entfernt, sondern weiterhin in die Gebäudearchitektur integriert wurde. Auch ohne prunkvollen Eingangsbereich (die Velostrasse nimmt den Eingangstüren nicht nur den Platz, sondern auch die Show) lässt sich das Rijksmuseum mit seinen neuen und aufgefrischten Elementen sehen. So sehr, dass man fast vermuten könnte, die Schlange der Besucher lässt sich lediglich auf die Architektur zurückführen. Sobald man sich aber in die Halle reindrängt, wo Amsterdams berühmtestes Bild hängt, weiss man, es geht trotz allem noch um die ausgestellten Kunstwerke.

«Die Nachtwache» von Rembrandt. So freie Sicht auf das Bild ist dem normalen Besucher nie vergönnt. Photo: Iwan Baan, courtesy of Rijksmuseum

«Die Nachtwache» von Rembrandt. So freie Sicht auf das Bild ist dem normalen Besucher nie vergönnt. Photo: Iwan Baan, courtesy of Rijksmuseum

«Die Nachtwache» von Rembrandt ist das einzige Gemälde, das nach der Umbauphase seinen alten Platz wieder einnehmen durfte. Alle anderen Werke wurden aufgrund der neuen, chronologischen Anordnung frisch platziert. Die ausgestellten Kunstobjekte ruhen auf Wänden, die jeweils in einem von fünf verschiedenen Grautöne gestrichen wurden. Innenarchitekt Jean-Michel Wilmotte hatte sie zwar ursprünglich alle ganz schwarz konzipiert, was Museumsdirektor Wim Pijbes aber schlichtweg zu eintönig erschien.

Von Farbdiskussionen unbeeindruckt zeigte sich der britische Künstler Richard Wright. Sein Beitrag, der Quell meines eigentlichen Interesses für das neue Rijkmuseum, zeigt sich in Form von zwei 9-m2 grossen Zimmerdecken, welche die grosse Halle, in der die Nachtwache ausgestellt ist, flankieren. 47’000 handgemalte Sterne prangen über den Köpfen der Besucher. Sie sind während zehn Wochen in minutiöser Arbeit von Richard Wright und seinen fünf Assistenten an die Decken gemalt worden. Mit einer speziellen Technik wurden erst Zeichnungen der Sterne auf den Raumoberflächen fixiert, um anschliessend mit Kalk bestäubt und dann entfernt zu werden. So entstand ein Muster, das in stundenlanger Arbeit von Hand nachgezogen wurde. Die bogenförmige, fliessende Anordnung der Sterne verleiht den Decken eine völlig neue Qualität und Tiefe. Die Decke lebt. Allerdings muss man sich erst die Mühe machen und nach oben schauen. Es ist erstaunlich, wie viele Besucher die beiden Räume lediglich als Verbindungs- und Vorzimmer zur «heiligen Halle» mit der Nachtwache sehen. Blind vor lauter Kunstverblendung übersehen sie den neuen Stern am Kunstfirmament. Mir soll es recht sein – dann brauche ich nicht Schlange zu stehen für meinen Sternenhimmel.

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