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Archiv April, 2014

Bewegende Kunst

Etwas mulmig dürfte es einem Besucher dieses Waldes geworden sein – den Anblick schwebender Äste geniesst man schliesslich nicht alle Tage. Urheber war aber nicht ein Windstoss, der zwischen den Bäumen durchfegte, sondern die Künstlerin Cornelia Konrads. Seit einigen Jahren verwandelt die Wuppertalerin Landschaften und alltägliche Objekte in Szenerien, denen meist etwas Magisches anhaftet. Sie lässt Äste und Backsteine fliegen, vergräbt Häuser im Boden und wirft mithilfe einer grossen Steinschleuder Sitzbänke durch die Gegend. Das Schönste an Ihrer Kunst: Sie setzt Gedanken und Fantasie in Bewegung. So fragt man sich nicht nur einfach «Wie ist das möglich», sondern auch, ob sich der Durchgang aus Ästen gerade auflöst oder im Begriff ist, sich zu formatieren; ob das Haus im Boden versinkt oder sich aus der Erde erhebt. Und wie würde es sich wohl anfühlen, wenn ich auf einer Bank durch die Landschaft geschleudert werde? Die dringlichste Frage bleibt demnach aber, wo und wann weitere Werke der Frau Konrads erlebt werden können – und für wie lange …

Trendseminar mit Li Edelkoort

Zeitgleich zum grössten Schweizer Kunstevent des Jahres, der Art Basel, findet ebendort am 19. Juni ein Trendseminar mit der grossen holländischen Trendforscherin Lidewij Edelkoort statt. Der Titel der Veranstaltung lautet «Embryonic. The dawning of the new age». Ich empfehle den Nachmittag in Anwesenheit dieser Grande Dame der quasi kassandrischen Disziplin der Trendvoraussage (nur, dass man ihren Weissagungen glücklicherweise Gehör verleiht). Und zwar  nicht nur, weil mich der Titel spontan an ein Lied aus dem berühmten Musical Hair erinnert. Weitere Gründe sind: Ich hatte zum ersten Mal keine hautausschlagähnliche Reaktion, als jemand das Wort Trend aussprach. Frau Edelkoort scheint nämlich tatsächlich so etwas wie einen sechsten Sinn dafür zu besitzen. Der Fundus an Bildern, den sie dem Publikum zeigt, scheint zwar aus einer vollkommen fremden Welt zu kommen (gerade das macht ihre Präsentation so spannend), aber tatsächlich ist Li Edelkoort eine Magierin im Dechiffrieren von Schichten und Codes. Was darunter liegt, führt sie uns vor Augen und staunend erkennt man, dass sich in der Modewelt (und ebenso in der Designwelt) tatsächlich bestimmte Themen, die in der «Luft» (?) liegen, niederlassen. Dazu kommt: Li Edelkoort ist eine gute Rednerin und schafft es, die Zuhörer mit ihrer samtigen Stimme zu verzaubern. Na ja, das klingt jetzt eher nach Hokuspokus, ist es aber nicht. Einfach hingehen. Weitere Infos und Anmeldung unter: welcome@trendinformation.com

Schweden visits Zürich

Die Veranstaltung «Swedish Design + Light» gestern Abend im Folium vom Zürcher Sihlcity war eine kleine, feine Präsentation Schwedischer Unternehmen aus den Bereichen Wohnen, Design und Mode. Der jährlich stattfindente Event wird von der Schwedischen Botschaft in der Schweiz und vom Business Sweden organisiert und kuratiert. Die vorgestellten Produkte von bekannten Labels wie Swedese, Carpe Diem, Kinnarps und Bolon, fanden Ergänzung durch Präsentationen junger Unternehmen wie Baux, Brødere, Green Fortune und Gotessons. Sinn und Zweck ist, dass Schwedens kreatives und unternehmerisches Potential auch in der Schweiz Anklang findet, Vertriebspartner gewonnen werden und sich andere Synergien entwickeln. Ein sehr netter Abend mit Elchcrackers, «Sea Breez» und vielen herzlichen Begegnungen. Tack så mycket!

Mosaikträume

Die Französin Anne Dérian setzt in filigraner Handarbeit Mosaiksteine zu einem zauberhaften Kunstwerk zusammen, das selbst an regnerischen Tagen Fröhlichkeit verbreitet. Zudem bringen die aufwendigen Muster Bewegung in einen Raum und verwandeln fade Böden und Wände in ein Gemälde, das man stundenlang betrachten möchte.

Neues aus Zürich?

Am Wochenende fand ich Zeit und Musse, mir Zürichs neues, umstrittenes Kunstdenkmal zu Gemüte zu führen. Als grosser Fan von Hafenstädten und allem, was an Meer und Schifffahrt erinnert, war ich zugegebenermassen schnell zu begeistern für die Idee, in der Stadt einen ausrangierten Hafenkran anzutreffen. Das Ding aus Rostock dann in natura zu sehen, hätte aber auch eine Enttäuschung werden können … War es nicht. Egal wie rostig und unsinnig und teuer er ist: Er passt. Zum Wasser, zu den Gebäuden drum herum und zu Zürichs Versuch, eine Welt-(offene) Stadt zu sein. Und was wichtig ist: Er besteht den 360°-Test. (mehr …)

Vivarium

Heute schnell, dafür umso schöner sind diese luftig leichten Schmetterlinge von Juan Fontanive. Die im Siebdruck auf Einzelseiten aufgetragenen Abbildungen werden durch eine elektronisch angetriebene Stahlkonstruktion zum Leben erweckt.

Iwan Baan

Kennen Sie das? Sie können sich gerade nicht mehr konzentrieren. Die Gedanken entwischen Ihrem zerebralen Haltegriff wie … ? Eben! Genau das meine ich. Es fällt mir kein passender Vergleich ein. Jedenfalls hilft dann nur noch eins: kurz mal abschalten. Hier eine hervorragende Möglichkeit dafür: Der TED Talk von Fotograf Iwan Baan zeigt beeindruckende Bilder von Architekturen, die erst durch ihre Bewohner interessant werden. (Okay, abgesehen von Chandigarh in Indien von Corbu.) Mit seiner angenehm ruhigen Stimme und seinen faszinierenden Bildern nimmt Iwan Baan die Zuschauern mit auf eine Reise von Indien, über Venezuela, China bis Nigeria.

 

Film ab!

Eine Pressemitteilung war wieder einmal Schuld. Der italienische Tapetenanbieter Wall & Decò stellte darin seine Kollektion für 2014 vor – und wie er das tat! 3 Minuten 58 Sekunden betörendes Filmmaterial wirkten auf mich ein und überliessen mich am Ende der Erkenntnis, dass bewegte Bilder (wenn sie gut gemacht sind) eine beachtliche Überzeugungskraft besitzen. Während Bilder und Musik in mir nachhallten erinnerte ich mich an weitere Videos, die mich im vergangenen Jahr zu beeindrucken vermochten. Ganz oben auf dem Podest trohnt da das Alphabet der Architektin Andrea Stinga (Ombú Architecture) und des Grafikdesigners Federico González. Jeden Buchstaben verbinden sie mit einem Architekten und lassen nebst seinem Namen und seiner Nationalität die Illustration eines seiner Gebäude über den Bildschirm flimmern. Ebenfalls ganz vorne im Rennen marschiert die computeranimierte Figur des Multimedia-Studios Universal Everything. Walking City lehnt an die utopische Vision der Architektengruppierung Archigram von 1960 an und passt sich während eines endlosen Spaziergangs in Struktur und Form seiner (unsichtbaren) verändernden Umgebung an. Johnny Kellys Kurzfilm wiederum zeigt anhand einer Kleinfamilie die Bedeutung und Wirkung auf, die Design und Veränderungen auf unser Leben haben. Und last but not least folgt der Film eines grossen Regisseurs über einen grossen Architekten. In Sketches of Frank Gehry dokumentiert Sidney Pollack das Werk und Leben seines langjährigen Freundes Frank O. Gehry und lässt Bewunderer und Kritiker, Gehry selbst und die verschieden Bauwerke des Architekten zu Wort kommen. Manche Filme machen einfach Spass. Und Gehry würde sagen: «That is so stupid looking – it’s great! »

Mailand – Sarah Lucas und die Möbel

Sie sehen schon sehr «DIY» aus die Stücke, die Sarah Lucas in einer Pop Up Location der Londoner Galeristin Sadie Coles anlässlich des Salone del Mobile präsentierte. Man hört von hinten (oder woher auch immer) das Verdikt «ja, aber was soll daran denn Kunst sein?». Und schon sind wir mitten im Schlamassel. Man fragt sich zunächst tatsächlich, was eine etablierte Galerie an einer Möbel-Kirmes wie dem Salone zu suchen hat. Andererseits hat das Möbelmachen bei Künstlern eine längere Tradition und spielt auch in Sarah Lucas sonstigen Arbeiten keine unwesentliche Rolle (Stuhl und menschlicher Körper werden dort gleichsam als eines gedacht und gezeigt). Zudem haben ihre Stücke den Vorteil, dass sie tatsächlich bequem sind (ich hab kein Buch drauf gelesen, aber ich schwörs, draufgesessen bin ich). Fazit: brauchbar. Weiterer Pluspunkt: pflegeleicht. Und zum Dritten: voller Referenzen (von Donald Judd über Franz West bis Carl André etcetera etcetera). Was bedeutet, dass das Möbel hier plötzlich zum Werkzeug wird, das Grenzen zwischen Architektur (nein, man kann nicht darin wohnen, das ist mir klar, aber: Es gibt immerhin eine Wand), Kunst (habe leider nicht nach dem Preis gefragt) und Design (wie gesagt, die Teile sind als Gebrauchsgegenstände gedacht) verwischt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind die Entwürfe um einiges ökologischer als 90% der Sachen, die man am Salone zu sehen bekommt. Durch die Verwendung von «armen» Materialien (Beton und MDF) wirken sie quasi als neutrale Objekte. Paradoxerweise bleiben bei mir einfache, archetypische Entwürfe länger hängen, obwohl ich dem Spielerischen nicht grundsätzlich abgeneigt bin. Vielleicht ist es der Mut zum Banalen, der mich an diesen Möbelstücken fasziniert und der Kontrast zur Originalitätsorgie, die man in Mailand feiert, hat einfach etwas Beruhigendes. Deswegen finde ich es ganz ok, wenn nun auch Kunst-Galerien auf den Salone-Zug aufspringen.

Mailand – Zeitschmelze

Das Jahr über meint man, Design und Wohnen findet nur ein Nischenpublikum. Der Salone del Mobile in Milano – der Zenit eines jeden Möbeljahres – jedoch, gibt einem den Glauben, die ganze Welt ist (komplett!) verrückt nach Design und nach nichts anderem. Die Messe ist ein Grossevent, ein kulturelles Phänomen, dessen Ausläufer und Ableger durch die ganze Stadt wuchern. Ja wuchern – jeder Laden, jedes Café, so gut wie jede leere Garage und viele historische Palazzi sind bestückt mit Design und Kunst und bevölkert von Heerscharen aus aller Herren Länder. So geschehen und gesehen letzte Woche. Meine persönliche Nachlese ergab, der Palazzo Bagatti Valsecchi war mein Lieblingsschauplatz. Das Alter von Bau und Inventar reicht bis ins Mittelalter und phänomenalerweise wurde das heutige Museum bis ins Jahr 1974 von der Besitzerfamilie bewohnt – mit allem Drum und Dran! Viele der Ausstellungsstücke hier hatten etwas gemeinsam, eine etwas melancholische Seite mit einem Hang zum Morbiden – der Ausstellungsraum an sich war daran nicht ganz unschuldig. Milano, die Sonne und die Ausstellungen krachten laut und grell, und so empfand ich die introvertierte, aber erhabene Atmosphäre im Museo Bagatti Valsecchie auf ganz eigene Art beeindruckend. Man möge mir die Qualität der Bilder verzeihen … es war wirklich finster.

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